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08/12 Ein halbes Glas auf die Finanzkrise

Die Finanzkrise hat auch ihr Gutes. Nein, nicht das Comeback des Staates. Denn wir erleben jetzt erst den „Staatssozialismus für Reiche“, wie Ulrich Beck es nennt. Und bevor neben mehr Staat nicht auch noch mehr Gerechtigkeit die Losung wird, gilt es, noch nicht die Korken knallen zu lassen. Aber immerhin, ein halbes Glas lässt sich doch füllen. Es folgen 5 Vorteile der Finanzkrise:

1. Endlich wieder unbeschwert shoppen!

Es hat sich gezeigt: Ein Ferrari als Wertanlage ist nicht das Unvernünftigste. Und selbst wer sich einen überteuerten Damien Hirst ersteigert hat, hat wenigstens noch was zum Angucken. Auch für uns Normalsterbliche gilt: Neue Schuhe, eine neues Sofa oder ein nettes Essen stellen bleibende Werte dar. Und seien es nur ein paar Kilos mehr auf den Hüften. Und man kurbelt erst noch die Realwirtschaft damit an.

2. Wir haben es immer schon gesagt

Selbst Kassandra, der es doch einigermassen übel ergangen ist, muss beim Anblick des brennenden Trojas bei allem Leiden noch etwas Genugtuung verspürt haben. Denn Recht zu bekommen, ist immer ein gutes Gefühl. Es hilft natürlich auch, wenn man statt Lehman-Brothers-Aktien zu kaufen, Punkt 1 beherzigt hat.

3. Ich darf so bleiben, wie ich bin

Vielleicht hatte die eine oder der andere mal kurz Zweifel, ob man nicht doch hätte Betriebsökonomie studieren oder eine Banklehre machen sollen, statt sich beispielsweise im Klassenzimmer abzumühen. Ob man vielleicht doch ein Trottel sei, weil man nicht in diese todsicheren, rentablen Fonds investiert hat. Aber siehe Punkt 2: Wir haben doch nicht alles falsch gemacht.

4. Mehr können, als man denkt

Eine grosse Verantwortung zu tragen, grosse Leistung zu erbringen, so wurden die exorbitanten Boni gerne gerechtfertigt. Spätestens (siehe Punkt 2) heute ist klar: Der Zusammenhang ist im besten Fall konstruiert. Einen Milliardenabschreiber produzieren kann jeder. Ich auch. Wirklich. Gebt mir das Geld, und ich beweise es sofort (siehe wieder Punkt 1).

5. Die neue Bescheidenheit

Eigentum ist nicht, wie Proudhon es formuliert hat, Diebstahl. Sondern vor allem eine Last. Auf der Jacht wird einem schlecht, im Ferrari ebenfalls. Und der Ausritt auf den kostbaren Rennpferden führt bloss zu Muskelkater. Das viele Personal für die zahlreichen Villen suchen: ein Riesenstress. Da ist man doch mit Mietwohnung und Mobility-Abo viel besser bedient (widerspricht zwar leicht Punkt 1, dafür gilt Punkt 2 hier umso mehr).

Und nun ab zum Weihnachtseinkauf! Realwirtschaft ankurbeln! Wenn es schon der Bundesrat nicht tut, muss man es eben selber tun.

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08/12 Mein Geld (erschienen im ABS Jahresbericht 2004)

Eine Bank wirbt damit, bei ihr müsse «das Geld arbeiten». Das suggeriert, das Geld würde sonst ganz faul zu Hause «rumliegen», wenn man es nicht auf die Bank bringe. Mein Geld ist leider gar nicht faul. Wäre es bloss zu Hause, ich wäre glücklich. Mein Geld ist nämlich vergnügungssüchtig. Und noch viel schlimmer: Mein Geld mag mich wahrscheinlich nicht. Wie sonst wäre es zu erklären, dass mein Geld mich ständig verlassen will? Natürlich, sein Wegwollen packt mein Geld in verführerische Worte. Es schmeichelt mir und flötet mir zu: «Lass uns doch wieder mal ausgehen. Wir waren schon lange nicht mehr aus. Du musst auch mal wieder unter die Leute.» «Nix da», sage ich. «Ich war gestern aus und vorgestern und am Tag zuvor. Ich mag nicht mehr. Ich willbloss zu Hause bleiben und Tütensuppe vor dem TV essen.» «Einverstanden», lenkt mein Geld ein,  gemütlicher Abend. Aber von Tütensuppe hat doch unsereiner nicht gegessen. Lass uns doch den Gourmet- Kurier bestellen . . .»

Manchmal versucht mein Geld auch vernünftig zu argumentieren. Dann sagt es, der mangelnde Binnenkonsum sei der Hauptgrund für das schleppende Wirtschaftswachstum in der Schweiz. Mein Geld ist nämlich ein glühender Verfechter des Keynesianismus. «Die hohe Sparquote ist ein Grundübel in der Schweiz», doziert es dann und behauptet, es sei meine volkswirtschaftliche Pflicht, es in Umlauf zu bringen. «Aber wenn ich nichts spare, dann habe ich nichts im Alter. Und ich bekomme doch eh keine AHV.» Mein Geld ist da ganz anderer Meinung. Mit zwei Prozent Wachstum pro Jahr sei die AHV gesichert. Und wie entsteht dieses Wachstum? Eben! Nun, mein Geld ist nicht nur vergnügungs- und kaufsüchtig. Es will ja bloss weg von mir. Darum hat es auch kein Problem damit, mich in Form von Rechnungen zu verlassen. Aber trotz aller Vergnügungssucht ist mein Geld nur beschränkt paarungswillig. Wie oft habe ich schon versucht, mein Geld in einem stillen Örtchen einzuschliessen, in der Hoffnung, es würde sich vermehren. Aber so klappt es nicht. Nicht mal daran will mein Geld arbeiten. Nein, mein Geld arbeitet nicht. Das tue nur ich. Damit mein Geld mehr vom Leben hat.

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